Wenn Texte Rost ansetzen

Jeder kennt den Vorgang der Korrosion bei Eisen oder Stahl. Es entsteht Rost. Aber können auch Texte von Rost befallen werden?


Sie können es, zumindest virtuell. Angefangen mit viel Elan, schmoren sie in einem Notizheft oder sterben den langsamen Datentod auf dem Rechner. Vielleicht werden sie ab und zu geöffnet oder kurz überflogen, aber du merkst: der Faden ist weg. Entweder war die Story nie wirklich ausgereift oder im schlimmsten Fall ist sie sogar überholt.

Was stellst du mit einem Text an, der Rost angesetzt hat?

Im ersten Schritt natürlich lesen! Bevor du tiefer in die Analyse einsteigst, notiere dir spontan drei Dinge, die dir an deinem Text gefallen und drei, die dir nicht gefallen haben.

Ich habe für euch eine ganz alte Story ausgegraben, die ich vor 35 Jahren geschrieben habe: einseitig und sogar noch auf der Schreibmaschine getippt. Mehr Rost geht schon fast gar nicht mehr! Dennoch stolpere ich immer wieder über diese eine Seite, wenn ich mal in meinen alten Ordnern wühle.

Meine drei Daumen nach oben für diese rostige Geschichte gehören:

  • der „kreativen“ Landschaft. Nach einer Naturkatastrophe wird satte grüne Marschlandschaft von einer Wüste dominiert.
  •  gutes Wetter inklusive Palmen
  •  durchweg positives Gefühl, Liebe und Geborgenheit stehen an erster Stelle

Absolut gruselig hingegen fand ich folgende Punkte:

  • die Sprache! Mir wurde „eine Hand gewahr“ sowie reichlich Wort-Wiederholungen
  • die Story ähnelt mehr einem Klappentext als einer Kurzgeschichte, viel zu stark gerafft, wenig Tiefe
  • krasse Gegensätze: Naturkatastrophe trifft auf Liebesglück

Vielleicht sollte ich noch hinzufügen, dass niemand mehr so gekleidet ist, wie der Protagonist der Story. Die 70iger Jahre haben in diesem Fall doch etwas abgefärbt, aber da Mode sich auch mal wiederholt, kann man das nicht unbedingt mit dem Siegel „Rost“ kennzeichnen.

Merkt ihr, was mit mir passiert ist? Ich bin schon angesteckt von der positiven Stimmung. Das ist vielleicht auch der Grund, warum ich diese eine Seite immer wieder hervorkrame. Manche Geschichten mögen in der Tat Rost ansetzen, dennoch sind sie Trittsteine auf unserem Schreibweg. Es liegt an uns, ob wir sie wieder in unseren Weg aufnehmen oder ob wir sie weiter vom Gras überwuchern lassen wollen, bis sie irgendwann ganz verschwunden sind.

Wie also könnte man diese Story wieder entrosten? Sie in das hier und heute übertragen?

Eine Möglichkeit besteht darin, sich die positiven Aspekte der Geschichte vorzunehmen und sie komplett neu zu schreiben. Damit meine ich nicht, einen Aufguss der alten Geschichte, sondern die positiven Elemente zu nehmen und damit eine neue zeitgemäße Story zu plotten.
Ich gebe zu, eine leicht verdrehte und parfümierte Liebesgeschichte habe ich schon ewig nicht mehr geschrieben. Typisch Teenager, aber so ganz fremd werden einem diese rosaroten Gefühle nie. Da ließe sich bestimmt eine passende Handlung finden 😉

Die zweite Möglichkeit besteht darin, die Dinge zu überarbeiten, die negativ aufgefallen sind. Wenn du sie notiert hast, dann weißt du sicherlich auch, wie du es (inzwischen) besser schreiben kannst.

Aber es gibt noch eine dritte Möglichkeit, wie du einen alten Text entrosten kannst: übertrage die positiven Dinge auf dein aktuelles Schreibprojekt.

Auch wenn es mir gerade in den Fingern juckt und ich am liebsten den alten Text aus heutiger Sicht schreiben würde, ich glaube, die stets einsamen Heldinnen meiner beiden aktuellen Schreibprojekte, könnten so ein bisschen Sonnenschein und Palmen ebenfalls gut gebrauchen. Ich lote gern die Tiefen meiner Charaktere aus und vergesse dabei manchmal, dass sie vielleicht auch ab und zu einen Moment des Glücks oder der Geborgenheit empfinden möchten.

Ihr seht also, es kann sich durchaus lohnen, nicht nur in alten Texten zu stöbern, sondern ihnen auch mit der Drahtbürste zu Leibe zu rücken, um herausfinden, ob ihr ihnen nicht doch noch ein Glänzen entlocken könnt.

Deine Texte können in die Jahre kommen, Rost ansetzen.

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Kommentar verfassen