Das ermordete Buch

Eine schnelle Bewegung begleitet von einem Aufschrei. Die Schere steckt im Einband. Entsetzen und Bedauern zugleich. Wie konnte ich das nur tun?

Es ist ein Buch, ein harmloses Buch! Und doch hasse ich es. Ich hasse die geraden Linien, die Schrift darin, mal klein und unauffällig, mal krakelig wie die eines aufsässigen Kindes. Dazu all die unbeantworteten Fragen, die sich wie ein roter Faden bis zum Ende ziehen.

Quälende Zweifel, Unsicherheit, Angst, verlorene Liebe, tiefer Schmerz, Dunkelheit, glühendes Verlangen, Neid. In all das habe ich die Schere gestoßen. Was sagt das über mich? Bin ich voller Zorn? Wütend auf die Welt, weil sie mir nicht gegeben hat, was ich mir so sehr gewünscht habe? Geborgenheit, Freunde, Anerkennung.

Ich sollte all meine Zweifel aufschreiben, jeden kleinen noch so unwichtigen Gedanken zu Papier bringen. Schreiben. Jede Brücke der Vernunft hinter mir abbrechen, aus dem Moment heraus schreiben, mein Innerstes nach Außen kehren. Nichts anderes habe ich getan: in jeder freien Minute, im Park, in der Kantine, in der Bahn, sogar vor dem Fernseher.

Mein Leben steckt in diesem Buch und nun auch noch die Schere. Warum? Ich bin kein gewalttätiger Mensch. Ist die letzte Sicherung durchgebrannt? Haben mich all die Fragen über das Hier und Jetzt, das Warum und Wieso verrückt gemacht? Brauche ich Hilfe?

Das ermordete Buch Schreibgruppe Federreiter Elmshorn Schreibübung
Das ermordete Buch

Meine Finger zucken. Muss ich meine Gedanken erst aufschreiben, um zu verstehen, was in meinem Inneren vor sich geht? So viele Fragen – keine Antworten. Nur eine Schere in einem Buch. Ich bin atemlos, sprachlos, wütend. Auf mich? Ja, auf mich. Warum? Kannst du nur fragen oder auch antworten?

Ich ziehe die Schere aus dem Buch, lege sie zurück auf den Tisch. Einen Moment halte ich das Buch in der Hand. Schwer. Angefüllt mit Bitterkeit und Enttäuschung. Eine Litanei auf ein ungeliebtes Leben. Ich hätte es schon viel früher tun sollen. Der Deckel des Mülleimers öffnet sich, das Buch entgleitet meinen Händen, fällt hinein.

Ich atme tief durch. Keine quälenden Fragen mehr. Nur noch Antworten. Versprochen.


Autor: Britta / Schreibgruppe Federreiter
Veröffentlichung: April 2017
Diese kurze Geschichte ist im Rahmen einer Schreibübung entstanden.

 

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